Kalla Malla
Christopher Cross (Edward G. Robinson) arbeitet schon sein halbes Leben als ehrlicher Kassierer für den Kaufhausbesitzer J.J. Hogarth (Russell Hicks) und besitzt außer einer goldenen Uhr nicht viel. Den edlen Zeitmesser hat er zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum bekommen. Eines Nachts sieht er, wie eine Frau durch einen Mann in Bedrängnis gerät, und geht dazwischen. Der reizenden Frau ist er schnell erlegen und er gibt sich als wohlhabender Künstler aus. Die Liaison mit der neuen Bekannten ist für Cross die Gelegenheit, seinem Leben einen neuen Schwung zu verleihen. Endlich kann er aus dem gewohnten Trott ausbrechen. Doch dabei ist er an die Falsche geraten: Kitty (Joan Bennett) ist mir dem zwielichtigen Johnny Prince (Dan Duryea) liiert und der will ihn zusammen mit seiner Freundin um sein angebliches Vermögen bringen.
Sollte ich jemandem anhand eines Films den »Film Noir« erklären, würde ich Billy Wilders »Frau ohne Gewissen« (»Double Indemnity«, 1944) empfehlen - oder Fritz Langs »Scarlet Street« (deutscher Titel: »Straße der Versuchung«) aus dem Jahr 1945.
»Scarlet Street« basiert auf dem französischen Jean Renoir-Krimi »La Chienne« (»Die Hündin«) von 1931. Produzent Walter Wanger, Ehemann von Hauptdarstellerin Joan Bennett, überließ Fritz Lang die volle künstlerische Kontrolle. So entstand ein kompromissloses, hoffnungsloses Drama und eines von Langs besten amerikanischen Werken. Langs düstere Geschichte nimmt im Finale gar so unmoralische Züge an, dass der Film in mehreren US-Bundesstaaten zensiert oder ganz verboten wurde, weswegen bis heute mehrere Schnittfassungen existieren. Gerade wegen der Kontroverse war »Scarlet Street« auch ein Riesenerfolg.
Das Darsteller-Trio Robinson, Bennett und Duryea spielte bereits ein Jahr zuvor in Langs ebenfalls großartigem »The Woman in the Window - Gefährliche Begegnung« (1944) praktisch die gleichen Charaktere, in »Scarlet Street« hingegen findet sich allerdings noch mehr böse Ironie und Lust an der Zerstörung eines bemitleidenswerten Mannes. Habgier, Leidenschaft und falsche Liebe führen gnadenlos ins Verderben, und wenn die Justiz versagt, sorgen am Ende noch höhere Mächte für die endgültige Bestrafung.
Trotz seiner deprimierenden Geschichte ist »Scarlet Street« aber alles andere als ein deprimierender Film, im Gegenteil. Er berauscht durch seine künstlerische Geschlossenheit und die exzellenten Darsteller, allen voran der unglaubliche Edward G. Robinson, der nie auf ein Image festgelegt war und mühelos den kaltherzigen Gangsterboss wie den tragischen Verlierer von nebenan spielen konnte. Fritz Lang inszeniert das Thriller-Drama souverän und atmosphärisch, mit vielen Schatten, Untiefen und Details. So ist etwa Robinsons Filmname Chris Cross mehr als doppeldeutig zu verstehen: an der wichtigsten Kreuzung seines Lebens muss er sich für eine Richtung entscheiden - und nimmt die Falsche. Ein Meisterwerk, das jeder gesehen haben muss, der sich Cineast nennen möchte.
Für mich ist es immer wieder erstaunlich, dass Klassiker dieser Art ohne übertriebenen Aufwand, Schnitt-Feuerwerke oder ohrenbetäubenden Lärm (natürlich mangels technischer Möglichkeiten, aber dennoch) von der ersten bis zur letzten Minute fesseln und überzeugen - weil sie von Menschen handeln, deren Geschichte und Handlungen in den Bann ziehen, und denen man gerne zuhört, wenn sie sprechen. Ich jedenfalls bin froh, Filme wie diesen dank DVD immer wieder sehen zu können.