Kalla Malla
Zartbesaitete seien gewarnt: der Film hält in Sachen Drastik alles, was sein Ruf im cineastischen Untergrund verspricht. Auf einem, so scheint es, postapokalyptischen Bauernhof beschäftigt sich ein Mann, der letzte seiner Art, in autistischer Weise mit den Tieren, mit sich selbst, seinen Ausscheidungen und seiner Geliebten, einem Schwein. Jenseits des reinen Tabubruchs ist 'Vase de Noces' mit seinem beklemmend groben Schwarzweiß und seinem radikalen Soundtrack ein so verstörendes wie sehenswertes Zeugnis experimenteller Subversivität im Film der 1970er Jahre.
Nachdem ich den Film, von dem ich nicht weiß wie man ihn korrekt ausspricht, seit circa 4 Jahren sehen wollte, war es heute endlich soweit. Ich sag's mal so: Ich hab mehr bekommen als ich erwartet hätte und wurde dann doch enttäuscht. Die Machart des Filmes ist interessant und gerade der Wechsel zwischen starren Aufnahmen und voyeuristisch wirkenden Close-Ups ist sehr interessant - das Gleiche gilt auch für die Musik und Soundkulisse, die absolut gelungen ist.
Auch die Kulisse des abgelegenen Hofes strahlt eine tolle Atmosphäre auf und man spührt regelrecht die Vereinsamung, die der Charakter durchlebt oder hat durchleben müssen. Das Farmhaus ist verfallen, versifft, im zugewucherten Gewächshaus bewahrt der Farmer ekelhaftes Zeugs in Einmachgläsern auf und die wenigen Tiere, die quer durch die Gegend laufen, scheinen fast die erstrebenswertesten Charaktere in dem Film zu sein. Und auch Szenen wie die, als er mit den kleinen Ferkeln am Tisch sitzt und versucht, sie irgendwie als eine Art Ersatzkinder zu erziehen, verfehlt ihre Wirkung definitiv nicht. Erst recht deshalb nicht, weil der Darsteller Dominique Garny hier eine wahnsinnig tolle Performance abliefert. Hut ab.
Aussagen wie diese sind in dem Film leicht zu finden und ich glaube wirklich, dass man noch mehr entdecken könnte, würde man sich ausreichend damit beschäftigen - aber das möchte ich nicht. Und genau an der Stelle versagt für mich der Streifen, da ich, anders als bei meinem Liebling "Melancholie der Engel", hier nicht das Bedürfnis habe, den Film mehrfach zu sehen, mir gezielt Notizen zu machen oder auf jedes Detail zu achten und Metaphern zu deuten.
Vase De Noces wird nach den ersten, verdammt stimmungsvollen und interessanten 20 Minuten, zu einer reinen Obskuritäten Schau, der man nur noch oberflächlich folgt. So sehr ich anfangs bemüht war, mich in die Sache hineinzuversetzen, so schnell fiebert man schlussendlich den kontroversen Szenen entgegen. Einfach mit dem Gedanken: hoffentlich passiert dann mal etwas. Und sobald die Szenen kommen, die für Aufruhr gesorgt haben, stellt man fest, dass diese in anderen Filmen schon wesentlich wirkungsvoller und böser inszeniert wurden als hier ... völlig unabhängig davon, dass "Vase de Noces" Jahre vor den Filmen entstand, die mir spontan als Referrenz einfallen.
Der Streifen ist Kunst - eindeutig. Und er trifft gewisse Aussagen und weiß durch seine Machart, sowie seine nahezu einzigartige Stimmung definitiv zu überzeugen. Doch im Gegensatz zu anderen Extrem-/ Experimental-/ Sonstwasfilmen, die zwar meistens auch keine Unterhaltung in dem Sinne sind, zieht er einfach den Kürzeren. Ganz einfach deswegen, weil seine Kollegen im weiten Sinne es wenigstens schaffen, dem Zuschauer mitten ein paar ins Gesicht zu klatschen und ihm gewaltig den Tag zu versauen. Ist das Unterhaltung? Nein, definitiv nicht. Aber ich respektiere immerhin deren Wirkung.
"Vase de Noces" hingegen nutzt sich nach 20 Minuten ab, bleibt dann zwar obskur - aber ohne jeden Effekt.