Kalla Malla
Zusammen mit seinem intimen Freund Graf Anton Chiluvsky (Christopher Gable) führt der junge Komponist Peter Tschaikowsky in den Salons und Vergnügungsetablissements der damaligen Zeit ein ausschweifendes Leben. Als die exzentrische und nymphomanisch Veranlagte Antonina Milukowa (Glenda Jackson) ihn bei der Aufführung seines ersten Klavierkonzerts kennenlernt, verliebt sie sich heftig in ihn. Tschaikowsky heiratet sie, aber seine homosexuelle Veranlagung hindert ihn am Vollzug der Ehe. Tschaikowsky leidet zudem unter einem Kindheitstrauma. Von seinen materiellen Sorgen befreit ihn die reiche Madame von Meck (Izabella Telezynska). Sie überläßt ihm auch ein Jagdhaus auf ihrem Gut. Zu dieser Zeit hat sich Tschaikowsky schon von seiner Frau getrennt, die psychisch mehr und mehr verfällt. Als Madame von Meck über den eifersüchtigen Grafen Chiluvsky von der Homosexualität des Musikers erfährt, lässt sie ihn abrupt fallen. Tschaikowsky ist tief betroffen, bleibt aber schöpferisch tätig. Er krönt sein Lebenswerk mit der Sinfonie »Pathétique«; kurz nach ihrer Uraufführung stirbt er wie seine Mutter an Cholera...
»Tschaikowsky - Genie und Wahnsinn« (»The Music Lovers«) war die erste von mehreren Musiker-Biografien, die der britische Regie-Exzentriker Ken Russell inszenierte. Sie zeigt den russischen Komponisten Peter Tschaikowski (Richard Chamberlain) als ein innerlich zerrissenes Genie, das trotz seiner Homosexualität eine spontane Ehe mit seiner Bewunderin Nina (Glenda Jackson) eingeht. Unfähig, die Ehe zu vollziehen, wird aus der anfänglichen Zuneigung bald Hass. Nina fühlt sich allein gelassen, hat wechselnde Affären und verfällt langsam dem Wahnsinn, ihr Gatte Peter feiert währenddessen Welterfolge, erkrankt allerdings später durch das Trinken unabgekochten Wassers an Cholera und stirbt. Nina endet in der Irrenanstalt.
Musik, Sex, Wahnsinn, Grausamkeiten, verdrängte Leidenschaften, Demütigungen und handfeste Auseinandersetzungen, das ist der Stoff, aus dem Russells (Gesamt-)Werk besteht. Fehlt eigentlich nur noch die Blasphemie, die hier aber kaum vorhanden ist. »Tschaikowsky« gehört nicht nur zu Russells besten und erfolgreichsten Filmen, er ist auch eines der besten Biopics aller Zeiten. Anders als viele Zeitgenossen hakt er nicht nur die Chronologie der Ereignisse brav ab, sondern konzentriert sich auf seine Lieblingsthemen und zaubert daraus ein pracht- und kraftvolles, manchmal bizarres Kinostück, das sich gelegentlich nicht um historische Authentizität schert, dafür dem Zuschauer aber die Menschen hinter der Geschichte näher bringt.
Russell verzichtet außerdem wohltuend auf jede Heuchelei und nennt die Dinge beim Namen. Gleich in der ersten Szene des Films sehen wir Tschaikowskys gelebte Homosexualität, die auch später nicht durch angebliche Bisexualität (wie es heute immer noch gern gemacht wird) verschleiert wird. Nicht das Schwulsein, sondern viel mehr Peters Sehnsucht nach einer Ehe, oder besser gesagt, einer »Ehe ohne Frau«, wie er es ausdrückt, führt dann auch konsequent ins Verderben.
Die Besetzung mit Richard Chamberlain ist dabei natürlich ein Glücksfall, denn auch der Schauspieler wagte zu jener Zeit noch kein öffentliches Outing und kann die Leiden seines Helden glaubwürdig wiedergeben. Und nicht nur das, er kann auch Klavier spielen und zeigt dies furios beim berühmten Klavierkonzert No.1, bei dessen öffentlicher Vorführung mehrere Charaktere so verzückt von der Musik sind, dass der Film in verschiedene Traumsequenzen abgleitet, welche die innersten Wünsche der Protagonisten offenbaren. Ken Russell liebt es, die Regeln des gepflegten Künstlerporträts immer wieder zu durchbrechen. Er schafft Bilder, die direkt aus dem Unterbewusstsein seiner Figuren stammen, erzählt eine Hochzeitsnacht des tragischen Paares inmitten eines rüttelnden Zugabteils als Horror-Farce und endet mit einer pompös-schrillen Montage (zur »Ouvertüre 1812«), die Tschaikowskis Siegeszug als Weltkomponist schildert, während Glenda Jackson sich als verrückte Nymphomanin Nina in der Klapsmühle von geifernden Irren befriedigen lässt und verzweifelt schreit: »Er hat mich gehasst!«. Glenda Jackson zeigt hier nach »Liebende Frauen« (1969), durch den sie zum Star wurde, erneut eine fantastische Leistung unter Russells Regie. Von liebevoll über aufbrausend bis verrückt zeigt sie ein breites Repertoire ihrer vielfaltigen Schauspielkunst.
Untermalt wird der komplette Film ausschließlich mit Tschaikowskis Kompositionen, die jeweils perfekt zur Situation passen. Wenn eine wohltätige Adlige, die Tschaikowski verehrt und finanziell unterstützt, um den schlafenden Komponisten herumschleicht und kaum wagt, seine Hand zu berühren, erklingt "Romeo und Julia", und während einer »Schwanensee«- Darbietung begegnet die frisch vermählte Nina zum ersten Mal dem stolzen Liebhaber (Christopher Gable) ihres Mannes, der sich später für den Liebesverrat rächen wird. Ganz der böse schwarze Schwan.
Wer Russells »Lisztomania« (1974) oder »Mahler« (1974) kennt, wird sich vielleicht wundern, wie ernsthaft und seriös der Regisseur trotz mancher Übertreibungen über weite Strecken sein Thema angeht. Neben der exzellenten Schauspielerführung und der meisterhaften Kamera von Douglas Slocombe ist die Anteilnahme des Publikums am Schicksal seiner Figuren das größte Verdienst des Films.
Fazit: Der Film wirkt wie eine opulente, tragische Oper und zeigt Tschaikowskys Leben in einer Art, die tatsächlich genug Stoff für eine Oper bietet. Wahnsinn, unerfüllte Liebe und Sehnsüchte, Selbstmordgedanken, Musikgenie, Einsamkeit, Verstoß der Gönnerin aufgrund der Homosexualität - willkommen in einer ebenso eleganten wie bizarren Bilderflut vom britischen Regie-Maniac Ken Russell.