Kalla Malla
Der alte Lord Lebanon hat das Zeitliche gesegnet, und nun versammeln sich alle Verwandten auf Mark's Priori, dem Scnloß der Lebanons, das im hohen Norden Schottlands liegt, um der Testamentsverlesung durch den Notar Tanner zu lauschen. Doch zur allgemeinen Überraschung verliest dieser nur einen »vorletzten Wunsch« des Verstorbenen, wonach alle Erbberechtigten sechs Tage und sechs Nächte auf Mark's Priori verbringen müssen, damit wieder Friede und Eintracht unter den zerstrittenen Familienmitgliedern einkehre. Erst dann soll der letzte Wille Lord Lebanons verlesen werden. Knurrend fügen sich die Versammelten dieser Schikane, nachdem der Anwalt sie belehrt hat, daß das Erbteil desjenigen verfällt, der diesem Wunsch nicht Folge leistet. Was die Erben nicht wissen: Lord Lebanon starb nicht an Herzversagen, sondern wurde mit einem indischen Tuch erdrosselt. In der Nacht kommt ein infernalisches Gewitter auf und unterbricht sämtliche Strom- und Telefonleitungen ; selbst wenn sie es wollten, könnten die Erben das Schloß nun nicht mehr verlassen. Und von diesem Augenblick an beginnt der unheimliche Halstuchmörder, sein blutiges Handwerk fortzusetzen. Einer nach dem anderen fällt dem Würger zum Opfer...
In der Rialto-Version aus dem Jahre 1963,bei der Alfred Vohrer Regie führte, ging man wie gewohnt mit dem Stoff etwas großzügiger um, was dem Film jedoch nur zugute kam. Alfred Vohrers Rialto-Version erzänlt in »Das indische Tuch« die klassische Geschichte der »Zehn kleinen Negerlein«: Von einer Personengruppe, die durch widrige Umstände auf engstem Raum eingeschlossen ist, wird einer nach dem anderen umgebracht. Vohrer, der die Morde mit subjektiver Kamera aus der Perspektive des Halstuchmörders zeigt, hat diesmal seine falschen Spuren besonders raffiniert ausgelegt, denn immer der, der im Moment am verdächtigsten ist, wird in der nächsten Szene ermordet.
Hans Nielsen, Klaus Kinski, Elisabeth Flickenschildt, sogar Siegfried Schürenberg - ihnen allen traut man die Verbrechen zu, und doch werden sie selbst Opfer des Wahnsinnigen, der unter ihnen weilt. Nicht einmal Heinz Drache, der hier nicht als Yard-Detektiv, sondern als Anwalt die Aufgabe übernommen hat, den Täter zu überführen, kann aus dem Kreis der Verdächtigen ausgeklammert werden, denn, so fragt Lady Lebanon irgendwann einmal zurecht, wer weiß, ob nicht eine Klausel im Testament existiert, die letztlich Tanner als Begünstigten ausweist.
Dem ist zwar nicht so, aber obwohl nur Isla Harris und der Butler Bonwk, gespielt von Eddi Arent, dem Halstuch-Tod entrinnen, fällt die mit Spannung erwartete Testamentsverlesung am Schluß enttäuschend aus. Denn Lord Lebanon hat sein gesamtes Vermögen dem Mann vermacht, den er »für den größten dieses Jahrhunderts« hielt: Edgar Wallace. Man kann argwöhnen, daß sich selbst unter eingefleischten Wallace-Fans die Lacher über diesen Schlußgag in Grenzen gehalten haben dürften.
Was von Vohrers Film bleibt, ist das Vergnügen an den Bosheiten und Intrigen, die der Geldgier der erbschaftheischenden Verwandtschaft entspringen, sowie die Hoffnung, Edgar Wallace möge Lord Lebanons Vermögen nicht wieder beim Pferderennen verspielt haben.
Besonders auffallend unter den Darstellern sind Hans Clarin als Lord Lebanon jr., einem gespenstisch wirkenden Ödipus-Komplex auf zwei Beinen, die schnell als Grund für den Komplex ausgemachte Elisabeth Flickenschildt in der Rolle der elitär-überheblichen Lady Lebanon und Klaus Kinski in der Rolle des unheimlichen Peter Ross, der durch sein Wirken wie ein Fremdkörper in der Gruppe allerdings auch Sympathien aufgrund von Mitleid beim Publikum gewinnen kann. Abgerundet wird der Reigen durch Siegfried Schürenberg, der ansonsten als Sir John zu bewundern ist, in der Rolle des Sir Hockbridge und Eddi Arent mit seinen sehr gut pointierten Komikauftritten als Butler mit einem Teewagen der besonderen Art.
»Das indische Tuch« spaltet die Wallace-Fangemeinde. Viele halten den Film für eine langweilige Nacherzählung von Agatha Christies »Zehn kleine Negerlein«, was er durchaus auch ist (und damit nichts mehr mit der Vorlage von Wallace zu tun hat). Für viele andere und mich ist dies einer der Höhepunkte der Wallace-Reihe, allein schon wegen des absurden Dialogwitzes und der großartigen Besetzung, bei der vor allem Elisabeth Flickenschild alle an die Wand spielt.
Das Gezicke unter der versnobten Verwandtschaft, die für ein Wochenende auf einem englischen Landsitz eingeschlossen ist, sucht wirklich seinesgleichen und wirkt für eine deutsche Wallace-Produktion beinahe authentisch »british«. Außerdem kann ich immer wieder über Eddi Arent und seinen Teewagen lachen, der ihm wie an unsichtbaren Fäden geführt auf Schritt und Tritt folgt.
Fazit: »Das indische Tuch« ist einer der Wallace-Filme, der seine Nähe zum Horror-Genre nicht verleugnet, sondern klar für Schockeffekte benutzt. Die subjektiven Einstellungen des Mörders, der seine Killer-Tücher zusammenrollt, sind auch heute noch auf unheimliche Weise überzeugend.