Kalla Malla
DDR-Reminiszenzen der anderen Art: Denn obschon so ziemlich alles den Argwohn der Stasi erregte und somit auch Unpolitisches politisch war, gab es sie, die trotzigen Subkulturen - wie jene der Skater in den 80er-Jahren, deren kühn praktizierter »Rollbrett-Enthusiasmus« wendiges Sinnbild der Befreiung war.
Dieser Film erzählt die Geschichte von Denis alias »Panik«, Nico und Tom - drei Jugendliche, die sich auf ihre eigene Weise vom Alltag der Jugend im Arbeiter- und Bauernstaat gelöst haben und in eine Subkultur eintauchten, die von der Obrigkeit nicht verstanden wurde.
Als sie aufwuchsen, erkannten sie allmählich die Bedeutung der Grenze, die das sozialistische Land umgab. Sie träumten von Freiheit, Amerika und von Kalifornien - unerreichbar zwar, doch das Symbol der Freiheit wurde für sie das Skateboard. Ein Nachbar hatte eines über die Grenze geschmuggelt, das als Vorbild für die »Rollbretter« diente, die sich die Jugendlichen nachbauten - nicht perfekt, aber dem Spaß daran tat das keinen Abbruch.
Mit ihren selbstgebastelten Boards irritierten die jungen Skater die Passanten am Berliner Alexanderplatz und begeisterten den Photojournalisten Harald Schmitt, der Anfang der 1980er in der DDR akkreditiert war. Der Film verfolgt die Kindheit der Protagonisten in den 1970ern, ihre rebellischen Jahre in den 1980ern bis zum Fall der Mauer und darüber hinaus.
Eine Dokumentation über »Rollbrettfahrer« in der DDR. Das kann doch nur etwas für eingefleischte Skater oder Doktoranden in Ethnologie sein. Könnte man denken. Aber dann verpasst man einen großartigen Film, der viel mehr ist als historische Bestandsaufnahme. This Ain’t California kommt nicht nur ungeheuer rasant, lustig und unterhaltsam daher. Marten Persiels erster abendfüllender Dokumentarfilm vereint so ziemlich alles, was Kino ausmacht: Leidenschaft, Spannung, Betroffenheit. Sein Film ist informativ und gefühlvoll, politisch und privat, lebensfroh und nachdenklich.
Das Herzblut, das hier zu spüren ist, hängt natürlich damit zusammen, dass der im Westen aufgewachsene Regisseur mit seinen Protagonisten die Liebe zum Skaten teilt. Aber der Film geht auch deshalb unter die Haut, weil er mit einer Beerdigung beginnt. Dennis »Panik« Panicek wird zu Grabe getragen, einst eine Legende der Ostberliner Szene, später in der Nachwendezeit irgendwie gescheitert und bei der Bundeswehr gelandet, wo er 2011 bei einem Afghanistan-Einsatz getötet wird. Nach der Trauerfeier treffen sich die ehemaligen Weggefährten, die Dennis seit 15 Jahren aus den Augen verloren haben, und tun das, was in Dennis' Sinne gewesen wäre. Sie feiern eine Party - keine rauschende, aber eine, in der all die guten Erinnerungen wieder aufsteigen, die sich mit dem befreienden Lebensgefühl der wilden 1980er Jahre verbinden.
Hinzu kommt, dass einer von Dennis' engsten Freunden als Jugendlicher eine Kamera hatte und munter drauflos filmte. So mischt sich der aktuelle Dreh mit altem Super-8-Material, historischen TV-Aufnahmen und einer ganzen Serie von dokumentarischen Fundstücken. Zusammen entzünden sie ein wahres Feuerwerk von kuriosen Sprüngen, Handständen auf dem Brett und eleganten Slalomfahrten – rasant geschnitten und vom pulsierenden Soundtrack vorangetrieben.
Regisseur Marten Persiel schlägt viele Töne an und vereint sie zu einem Rhythmus, der sich immer wieder auch Verschnaufpausen und nachdenkliche Momente gönnt. In der Ich-Form zeichnen zwei der damaligen Protagonisten ein subjektives und dadurch höchst lebendiges Bild von Dennis Persönlichkeit, von der Aufbruchsstimmung einer Gegenkultur, von den Vereinnahmungsversuchen des Staates und von den Treffen einer Art »Internationale« der Rollbrett-Verrückten aus aller Welt, in der die »Staatsgefangenen« der DDR noch mehr Freiheitsluft schnupperten, ironischerweise unterstützt von der eigenen Regierung. Bei alledem leistet This Ain’t California auch noch das, was die Szene im engeren Sinne interessieren dürfte: eine Geschichtsschreibung der Gegenkultur, die trotz zahlreicher Stasi-Akten in Vergessenheit zu geraten drohte. Denn die Skater sind ja zum Glück kein bürokratischer Verein, der sich viel um Papierkram kümmern würde. Da ist es nicht schlecht, wenn manche von ihnen im späteren Leben zur Kamera greifen.
Fazit: In einer sehr freien Mischung aus dokumentarischem und fiktivem Material gelang ein glaubwürdiges Abbild des echten Lebensgefühls in der DDR, das Empfinden persönlicher Freiheit inmitten gesellschaftlicher Begrenzungen. So entsteht ein spannendes Puzzle fernab miefiger Trabi-Ostalgie. Einfach ein Lebensgefühl, das Mauern überwindet. Vielleicht stimmt in diesem Film so gut wie nichts, aber alles ist wahr.